Bettenpolitik

Bettenpolitik

Jede Pflegekraft lernt früh in der Ausbildung, dass jeder Tag im Krankenhaus für den Patienten mit Risiken wie Pneumonie und Thrombose und im Anschluss an den Krankenhausaufenthalt mit einer Verringerung der Leistungsfähigkeit zu Hause verbunden ist. Gerade ältere Leute sind besonders stark betroffen. Dennoch werden Patienten häufig ein paar Tage zusätzlich zur „Überwachung“ dabehalten, mit dem Ziel, die Auslastung der Station künstlich hoch zu halten. Die unnötige Belastung der Patienten und der Aufwand für das Personal ist dabei egal, solange ein paar zusätzliche Profite erzielt werden können. Ursächlich dabei sind die Fallpauschalen, diese setzen den falschen Anreiz. Falls ein Patient seine maximale Liegedauer gemäß LKF noch nicht erreicht hat, ist es sehr lukrativ ihn noch stationär zu belassen. Auch ist ein belegtes Bett stets lukrativer als ein leeres. Ein solidarisch ausfinanziertes Gesundheitssystem würde es erlauben Patienten genau so lange dazubehalten wie es für ihre Gesundheit am besten ist und würde für eine effektivere Nutzung des Personals sorgen, da ein solches sich um die Menschen kümmern kann die wirklich krank sind.

Nachtarbeit und Kontrollen

Nachtarbeit und Kontrollen

Seit meiner Ausbildung, als ich meine ersten Nachtdienste absolvierte und von erfahrenen Kolleginnen eingeschult wurde, beschäftigt mich die ein oder andere damalige Aussage bis heute. Es gibt nämlich nicht nur etliche Pflegehandlungen und administrative Kunstgriffe zu erlernen, sondern es existiert auch eine sogenannte Nachtdienst-Etikette. Scheinbar gibt es einige ungeschriebene Gesetze, die dann je nach persönlichem Empfinden der jeweils Kontrollierenden exekutiert bzw. thematisiert werden.

Sollte eine Nachdienst-Kontrolle stattfinden, muss man auf jeden Fall beschäftigt wirken… Keinesfalls darf man die Füße hoch lagern oder gar liegen. Das Lesen von privaten Büchern oder Magazinen ist unbedingt zu unterlassen. Die geeignete Literatur ist auf Fachbücher zu beschränken, z.B. „Pflege heute“ oder „Juchli“. (In geistlichen Häusern sei hier auch die heilige Schrift angeführt.)

Sollte die Arbeit auf der Station getan sein und man zwischen zwei Runden etwas Zeit finden, kann man sich kurz setzen. Dabei darf man sich aber nicht von manchmal vorkommenden Kontrollgängen der Bereichsleitung „erwischen“ lassen. Man wäre ja quasi untätig.
Es gibt Vorgesetzte, die sich bemühen, die Nachtdienstleistenden bloßzustellen und zu schikanieren. Von manchen KollegInnen wurde mir über Kontrollorgane berichtet, die sich die größte Mühe geben, um Angehörige der eigenen Berufsgruppe bei „nicht erlaubten Tätigkeiten“ zu überraschen. Da werden z.B. extra vor der Kontrollrunde die Schuhe mit Filzschlapfen getauscht, damit man sich besser anschleichen kann. Oder der Vorgesetzte betritt die Abteilung durch einen Nebeneingang oder die Gerätereinigung und steht plötzlich hinter dir. Hat irgendjemand schon bei der ärztlichen Belegschaft oder irgendeiner anderen Berufsgruppe von einem so grotesken Verhalten gehört?

Ich denke nicht, dass Nachtdienstkontrollen vorgeschrieben sind, denn das Aufkommen schwankt zwischen den Abteilungen stark. Zwischen zweimal im Monat und Jahre lang nichts ist alles drin. Meist wird, falls bei der Kontrolle sitzende Pflegepersonen angetroffen werden, von Sparmaßnahmen und Personalumverteilung gesprochen. Oft wird auch mit der Kette des Disziplinarverfahrens gerasselt. Dazu habe ich folgendes gefunden: „Ein Disziplinarverfahren ist ein Verfahren, in dem ein mögliches Dienstvergehen von Beamten, Richtern oder Soldaten geprüft oder gegebenenfalls sanktioniert wird.“

Muss ich, nachdem ich die ganze Nacht renne wie der sprichwörtliche „Waglhund“, wirklich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich einmal 15 Minuten sitze? Oder wenn ich gar so verwegen bin und die Beine hoch lege, um die Varitzen bzw. die Wirbelsäule zu entlasten. Warum muss man eigentlich über jeden Handgriff Rechenschaft ablegen? Wenn das Arbeitsaufkommen es erlaubt, dürfen wir uns vom Gesetz her ausruhen! Diese Ruhezeiten sollten wir auch unbedingt wahrnehmen, um das Pensionsalter überhaupt zu erreichen. Studien belegen, dass sich Nachtarbeit besonders negativ auf die Psyche auswirkt. Und mehr Burn-Out Kandidaten braucht keiner. Da weder Dienstgeber noch die meisten Vorgesetzten uns trotz verstärkt aufkommender Mehrarbeit irgendwie entlasten, müssen wir das selbst in die Hand nehmen.

Der größte Gegner ist in diesem Fall nicht das Gesetz, sondern das eigene schlechte Gewissen. Der nächste ist schon die eigene Berufsgruppe: Füllertätigkeiten, das heißt alles, das bis morgen warten kann, gehört nicht in die Nachtarbeitszeit! „Ihr seit da, um zu arbeiten!“ und „weil ich das so will“ sind keine gültigen Argumente in Gesprächen unter erwachsenen Menschen und KollegInnen. Die Frage „Habe ich für mich zufriedenstellend gearbeitet?“ sollte immer höher bewertet werden als „Wird der Vorgesetzte schimpfen?“. Manche PflegerInnen arbeiten unermüdlich daran, das Ansehen des Berufes zu verbessern. Ein erster Schritt, der auch nichts kostet, wäre kindische Schikane  in der  eigene  Berufsgruppe auf ein  Minimum zu reduzieren.

Good old times

Good old times

22 Patienten, teils Überwachungs- und Katecholaminpflichtig, oftmals delirant. Dazu häufig eine Besetzung mit bis zu drei diplomierten Pflegepersonen ohne zusätzliche PflegehelferInnen oder Servicekräfte. Diese Rechnung geht nicht auf und ein solcher Betreuungsschlüssel birgt eine Traumauflage für Patientengefährdung.
Damit konfrontiert durfte unser Team aus der Pflegedirektion letztens Folgendes vernehmen: „Wenn es zu einem Personalmangel kommt, dann muss unser hoher Anspruch angepasst werden. Und da kann es sein, dass nicht jeder Patient die gleiche gute Pflege bekommt.“ Willkommen in der guten alten Zeit! Seit 1980 dürfte sich, sobald Pflege eine Frage des Geldes aufwirft, die altbewährte Regel „Warm-Satt-Sauber“ gut in den Führungsriegen gehalten haben. Auch in einem renomierten Ordensspital…
Aufbruch traditioneller Positionen in Pflege und Medizin?

Aufbruch traditioneller Positionen in Pflege und Medizin?

Das AKH steckt in traditionellen Rollenbildern fest: Immer wieder ertappe ich mich selbst dabei, Teil dieses Systems zu sein und mich der informellen Regeln und traditionellen Rollenbilder zu unterwerfen. Oder ist es eine beginnende Resignation, ein Abfinden mit den entstandenen Strukturen mit denen insbesondere junge Pflegekräfte kämpfen?

Die von Leonard Stein in den 60er Jahren als „doctor-nurse-game“ beschriebene interdisziplinäre Zusammenarbeit von Pflegepersonal und ÄrztInnen ist Alltag im AKH: männliche-medizinische Autorität wird durch die Verleugnung weiblich-pflegerischer Kompetenz aufgebaut. Die Krankenschwestern stellten die autonome Führungsposition und das alleinige Entscheidungsrecht des Arztes nicht in Frage. Ärztliche Tätigkeiten erfuhren eine hohe Wertschätzung, wohingegen pflegerische Aufgaben nicht als kompetent und professionell definiert wurden. Die Schwestern mussten ihr Erfahrungswissen vorsichtig einbringen, um das medizinische Wissensmonopol nicht anzugreifen. Das AKH erscheint auch im Jahr 2016 wie ein Zeitkapsel, traditionelle Rollenbilder werden bewusst und unbewusst gelebt, auch wenn sich die Profession und Geschlechterrollen in beiden Berufsgruppen stetig verändern. Viele Pflegekräfte kennen dieses Spiel nur allzu gut, doch die Frage stellt sich wie neue Spielregeln entworfen werden können? Im „doctor-nurse-game“ gelten Pflegefachkräfte als SpielverderberIn, wenn sie offen Konflikte ansprechen. Vielleicht entscheide ich mich ab heute SpielverderberIn zu werden, um das traditionelle Spiel dieser zentralen Berufsgruppen im AKH zu beenden.