Nachtarbeit und Kontrollen

Seit meiner Ausbildung, als ich meine ersten Nachtdienste absolvierte und von erfahrenen Kolleginnen eingeschult wurde, beschäftigt mich die ein oder andere damalige Aussage bis heute. Es gibt nämlich nicht nur etliche Pflegehandlungen und administrative Kunstgriffe zu erlernen, sondern es existiert auch eine sogenannte Nachtdienst-Etikette. Scheinbar gibt es einige ungeschriebene Gesetze, die dann je nach persönlichem Empfinden der jeweils Kontrollierenden exekutiert bzw. thematisiert werden.

Sollte eine Nachdienst-Kontrolle stattfinden, muss man auf jeden Fall beschäftigt wirken… Keinesfalls darf man die Füße hoch lagern oder gar liegen. Das Lesen von privaten Büchern oder Magazinen ist unbedingt zu unterlassen. Die geeignete Literatur ist auf Fachbücher zu beschränken, z.B. „Pflege heute“ oder „Juchli“. (In geistlichen Häusern sei hier auch die heilige Schrift angeführt.)

Sollte die Arbeit auf der Station getan sein und man zwischen zwei Runden etwas Zeit finden, kann man sich kurz setzen. Dabei darf man sich aber nicht von manchmal vorkommenden Kontrollgängen der Bereichsleitung „erwischen“ lassen. Man wäre ja quasi untätig.
Es gibt Vorgesetzte, die sich bemühen, die Nachtdienstleistenden bloßzustellen und zu schikanieren. Von manchen KollegInnen wurde mir über Kontrollorgane berichtet, die sich die größte Mühe geben, um Angehörige der eigenen Berufsgruppe bei „nicht erlaubten Tätigkeiten“ zu überraschen. Da werden z.B. extra vor der Kontrollrunde die Schuhe mit Filzschlapfen getauscht, damit man sich besser anschleichen kann. Oder der Vorgesetzte betritt die Abteilung durch einen Nebeneingang oder die Gerätereinigung und steht plötzlich hinter dir. Hat irgendjemand schon bei der ärztlichen Belegschaft oder irgendeiner anderen Berufsgruppe von einem so grotesken Verhalten gehört?

Ich denke nicht, dass Nachtdienstkontrollen vorgeschrieben sind, denn das Aufkommen schwankt zwischen den Abteilungen stark. Zwischen zweimal im Monat und Jahre lang nichts ist alles drin. Meist wird, falls bei der Kontrolle sitzende Pflegepersonen angetroffen werden, von Sparmaßnahmen und Personalumverteilung gesprochen. Oft wird auch mit der Kette des Disziplinarverfahrens gerasselt. Dazu habe ich folgendes gefunden: „Ein Disziplinarverfahren ist ein Verfahren, in dem ein mögliches Dienstvergehen von Beamten, Richtern oder Soldaten geprüft oder gegebenenfalls sanktioniert wird.“

Muss ich, nachdem ich die ganze Nacht renne wie der sprichwörtliche „Waglhund“, wirklich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich einmal 15 Minuten sitze? Oder wenn ich gar so verwegen bin und die Beine hoch lege, um die Varitzen bzw. die Wirbelsäule zu entlasten. Warum muss man eigentlich über jeden Handgriff Rechenschaft ablegen? Wenn das Arbeitsaufkommen es erlaubt, dürfen wir uns vom Gesetz her ausruhen! Diese Ruhezeiten sollten wir auch unbedingt wahrnehmen, um das Pensionsalter überhaupt zu erreichen. Studien belegen, dass sich Nachtarbeit besonders negativ auf die Psyche auswirkt. Und mehr Burn-Out Kandidaten braucht keiner. Da weder Dienstgeber noch die meisten Vorgesetzten uns trotz verstärkt aufkommender Mehrarbeit irgendwie entlasten, müssen wir das selbst in die Hand nehmen.

Der größte Gegner ist in diesem Fall nicht das Gesetz, sondern das eigene schlechte Gewissen. Der nächste ist schon die eigene Berufsgruppe: Füllertätigkeiten, das heißt alles, das bis morgen warten kann, gehört nicht in die Nachtarbeitszeit! „Ihr seit da, um zu arbeiten!“ und „weil ich das so will“ sind keine gültigen Argumente in Gesprächen unter erwachsenen Menschen und KollegInnen. Die Frage „Habe ich für mich zufriedenstellend gearbeitet?“ sollte immer höher bewertet werden als „Wird der Vorgesetzte schimpfen?“. Manche PflegerInnen arbeiten unermüdlich daran, das Ansehen des Berufes zu verbessern. Ein erster Schritt, der auch nichts kostet, wäre kindische Schikane  in der  eigene  Berufsgruppe auf ein  Minimum zu reduzieren.

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